„Ich bin zwar keine Feministin, aber…“

Gender Symbol Europa

Feminismus, Europa – und was ist mit dir?

Für Frauenrechte, gegen Diskriminierung – und dennoch: Vielen ist Feminismus peinlich – und das ist kein kulturelles Phänomen

Seltsamer Weise höre ich diesen Satzanfang in der letzten Zeit immer häufiger: „Ich bin ja absolut keine Feministin, aber…“, obwohl ich eigentlich den Eindruck hatte, dass das (zumindest) deutsche Feuilleton und so wunderbare Seiten wie Edition F, den Feminismus entstaubt, geglamt oder immerhin wieder salonfähig geschrieben haben.

Trotzdem lese und höre ich, egal ob aus meinem deutschen, französischen, oder amerikanischen Umkreis: Feministinnen sind wir nicht. Klar, gleiches Gehalt, gleiche Rechte und eine ausgeglichene Rollenverteilung im Familienleben sind schon wichtig, aber deswegen muss ich ja nicht so sein. Vor kurzem postete eine rumänische Bekannte ein Video aus dem europäischen Parlament, von dem an fortgeschrittener Debilität leidenden Janusz Korwin-Mikke. Darüber schrieb sie den Ich-bin-keine-Feministin-Satz, dann kam das berühmte „aber“ und dann, dass der Typ ein Idiot sei. Ihre Einschätzung zu dem parteilosen Rassisten und Frauenfeind kann ich erstmal so stehen lassen, aber warum die Distanzierung zum Feminismus?

Die nicht repräsentativen Stichproben aus meinem Umfeld zeigen mir deutlich: es liegt nicht an den jeweiligen Kultur- oder Länderunterschieden, dass Feminismus so unangenehm wie Herpes empfunden wird. Was ist aber das Problem?

 

Habt ihr Angst vor Ismen?

 

Ein Ismus ist eine geistige Haltung und ja – auch eine politische Richtung. Sobald man Position bezieht macht man sich angreifbar, das fühlt sich bisweilen nicht sehr komfortabel an. Erschwerend hinzu kommt noch, dass Ismen eher negativ wahrgenommen werden. Es ist sehr viel einfacher gegen einen Ismus Position zu beziehen: Gegen Rassismus, Opportunismus, Dilettantismus. Selbst wenn man über Liberalismus spricht kommt dem eine -mindestenz distanzierte – Haltung zu. Will man positiv von dieser Überzeugung und Lehre reden, nennt man sie geschmeidig „liberale Ideen“. Den Umweg meine Gleichberechtigung über verschwurbelte Wortneuschöpfungen einzufordern ist mir jedoch zu umständlich. Es gibt Dringenderes zu tun.

 

Was ist denn jetzt mit dem Feminismus?

 

Feminismus ist nichts, was andere herabsetzt. Feminismus ist das Grundverständnis von gleichen Rechten und Pflichten für beide Geschlechter und die Forderung danach. Der Feminismus ist nichts Homogenes und so trifft man dort wie überall Aktionen und Menschen, denen man eher naserümpfend ausweichen möchte. Das ändert aber gar nichts am Grundsätzlichen.

Feminismus ist im Übrigen auch nicht exklusiv für Frauen reserviert. Ja, Männer, ihr dürft gerne laut aussprechen, dass es euch ganz und gar nicht egal ist, wenn eure Freundin, Tochter, Mutter ungleich behandelt oder herabgesetzt wird. Tatsächlich darf diese Haltung am Arbeitsplatz, in geselliger Runde und in der Politik auch für Männer Feminismus heißen.

 

Sprechen wir über Ungleichheit in Europa

 

Bezahlung

 

Das durchschnittliche Lohngefälle zwischen Männern und Frauen innerhalb der Europäischen Union lag 2013 bei 16,4%. Deutschland liegt mit 21,4% auf Platz 5 dieser unrühmlichen Liste.

Gender Paygap Europa Europe

 

 

Berufstätigkeit

 

In Deutschland sind über 70% der Frauen berufstätig, was, jedenfalls im europäischen Vergleich (62,6%), ein ganz gutes Ergebnis ist. Fast die Hälfte von diesen Frauen arbeitet jedoch in Teilzeit und da liegt der Hund begraben. Teilzeitarbeit ist die wesentliche Basis von geschlechtsspezifischem Rentengefälle und erhöhter Altersarmut von Frauen.

 

Beschäftigungsquote Frauen EU Europa

Diskriminierung in der Gesellschaft und im Alltag

 

Wir kennen tägliche Diskriminierung. Manche haben damit mehr, andere weniger Probleme. Das Ganze reicht vom gepflegten Herrenwitz über eine wesentlich höhere Elternzeit bei Frauen bis hin zur Gläsernen Decke – und sie ist in allen Ländern der Europäischen Union alltäglich vertreten.

 

Es liegt tatsächlich auch an dir

 

Die Gesetze sind da. Gleichberechtigung, Gleichbehandlung, Erziehungsgeld, Elternzeit. Bei letzterem gibt es noch einiges zu tun, aber man muss ebenso hinzufügen: Wesentliche Schritte wurden gemacht und jetzt bist auch du dran.

Dieses Sich-entschuldigen-wollen, weil man die Diskriminierung von Frauen anspricht, ist so unterwürfig gegenüber dem bestehenden System, dass es eigentlich DAS Paradebeispiel dafür ist, was hier bei uns alles nicht stimmt. Man muss es ganz klar sagen: Mit einem, „Also ich würde ja keinesfalls vehement dafür einstehen, aber…könnte ich vielleicht die gleiche Bezahlung wie mein männlicher Kollege haben, bitte?“, kommen wir absolut nicht weiter.

Unsere sozialen Rollen sind durch Jahrhunderte alte Bilder geprägt. Vererbte Rollenverständnisse werden reaktiv und unreflektiert weitergereicht und so enden die Kinder in einer Welt von rosa und blau, geschlechtsspezifischen Bücherregalen, identifizieren sich Mädchen mit allem Sozialen und Jungen mit Baggerführern. Dabei ist es weder für unsere weiblichen, noch für unsere männlichen Nachkommen wünschenswert in steife Rollenklischees gedrückt zu werden. Freie Entfaltung lassen diese nämlich nicht zu. Um es noch einmal klar zu benennen: Die in Ungleichheit heranwachsenden Menschen können überhaupt keine chancengleiche Gesellschaft bilden.

 

Wie den Teufelskreis durchbrechen?

 

Wir müssen permanent unser Handeln und Reden in Frage stellen. Was ist und was ist nicht wünschenswert? Was macht das mit meinem Gegenüber, wenn ich lobend auf heute gut gewählte Garderobe verweise und würde ich das bei dem Geschlechtsäquivalent ebenso tun? Was macht es mit einem Kind, dem ich eine Art von Spielzeug schenke? Was bewirkt mein Reden und Schreiben?

Feminismus ist ein Standpunkt, der es wert ist, ihn nicht mehr nötig haben zu wollen. Diese Utopie erreichen wir aber nicht um so schneller, je früher wir ihn mit Dreck besudeln. Wenn Frauen sich vom Feminismus distanzieren, bringt sie das nicht in eine bessere Position, oder in eine, in der sie den Feminismus nicht mehr brauchen.

 

Die politische Rechte in Europa

 

Rechte Parteien stehen in ihren Startlöchern, vernetzen sich europaweit, oder sind schon längst am Werk. Der Rechtspopulist Victor Orban hat keine einzige Frau in seiner Regierung und arbeitet an der Verschärfung von Abtreibungsgesetzen. Auch in Polen wird dies immer nachdrücklicher gefordert. Wenn Geert Wilders über die Diskriminierung von Frauen spricht, zielt er nicht auf Chancengleichheit ab, sondern er instrumentalisiert sie für das Schüren seines antiislamischen Hasses.

Frauke Petry und Marine Le Pen sind schlechte Gallionsfiguren weiblicher Führungskräfte in Spitzenpositionen. Sie und ihre Mitstreiterinnen in Europas rechten Parteien schließen sehr erfolgreich die radical right gender gap, propagieren aber ein traditionelles Familienbild, torpedieren Quoten und wollen Abtreibungen erschweren. Sie ziehen mit einem verwässerten Feminismusbegriff in den Wahlkampf, der sich bei genauem Hinsehen als Trojanisches Pferd entpuppt.

Die rechten Kräfte in Europa sind ein mahnendes Beispiel dafür, wie schnell die, auch und besonders durch den Feminismus, erstrittenen Werte einer Gesellschaft in Freiheit und Gleichheit in den Wind geschleudert werden. Ermuntert noch durch den Erfolg des twitternden Oberhäuptlings reaktionärer Minderheiten- und Frauenhasser aus Übersee.

 

Erworbenes verteidigen, verbessern und weitergeben

 

Denn Frauenrechte sind leider nicht unverrückbar. Sie wurden über Jahrhunderte weg erstritten und wir sind die Glücklichen, die sich innerhalb Europas nicht mehr für gleiche juristische Rechte einsetzen müssen. Wir aber haben eine nicht minder herausfordernde Aufgabe: Wir müssen für die Durchsetzung dieser Rechte kämpfen, ihrer Umsetzung im Alltag. Wir müssen die Gedankenschranken aufbrechen, unsere eigenen und die von anderen in unserem Umfeld. Die Umfragen des Eurobarometer 2014 zeigen uns ganz klar woran wir arbeiten müssen. Unfassbare 60% der europäischen Bevölkerung denken, dass die Familie darunter leidet, wenn die Mutter in Vollzeit arbeitet und nicht mal 30% denken, dass der Vater seine beruflichen Prioritäten zugunsten der Familie neu definieren sollte.

 

Ungleichheit-Geschlechterrollen-Mann-Frau-Europa

 

 

Es gibt so viel zu dem Thema zu sagen, zu schreiben und zu tun und ich wünsche mir mehr Menschen um mich herum, die sich dessen bewusst werden. Dafür muss sich niemand lauthals zum Feministen oder zur Feministin erklären, aber ihr könntet mir und euch selbst die Entmutigung des „Ich-bin-ja-kein“-Satzes ersparen und dadurch mit ungebremster Wucht auf Ungerechtigkeiten aufmerksam machen.

 

Quellen:

Europäische Kommission – Pressemitteilung: Gleichstellung von Frauen und Männern bleibt europäische Herausforderung, 2015

Europäischen Parlament: Wirtschaftliche Unabhängigkeit und die Lage der Frauen auf dem Arbeitsmarkt der Europäischen Union, 2014