Europäische Kommission ganz nah: Mein Abend bei Regionaleuropäern

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Europäische Kommission ganz nah:
Mein Abend bei Regionaleuropäern

Bericht über den Diskussionsabend mit Alain Dumort, Vertreter der Europäischen Kommission in Marseille

Wir sind in einem Vereinshaus. Schnell werden noch einige Stühle hereingebracht, es sind doch ein paar mehr Menschen gekommen als erwartet. Wir sind etwa fünfzig, die sich für „En direct avec la Commission Européen“ interessieren. Eingeladen hat das Maison de l’Europe Aix-en-Provence. Mit an der Tischreihe sitzen der Vorsitzende Alain-Pierre Merger, ein paar weitere Vertreter und der Hauptredner des Abends, Alain Dumort.

 

Hier also ist Europa

 

Die Vertretungsbüros der Europäischen Kommission in Frankreich und Deutschland existieren seit den fünfziger Jahren. Heute gibt es sie in allen 28 Mitgliedstaaten. Sie stellen ein Bindeglied zwischen europäischer Öffentlichkeit, nationaler Politik und der Europäischen Kommission her. Dazu gehören auch weitere Programme, unter anderem auch die Informationszentren von Europe Direct. Sie bieten Rat und Hilfe für Unternehmen, Vorträge und Veranstaltungen zu europäischen Themen, stellen und erleichtern Kooperationen im Bereich Forschung und Technik, oder beantworten einfach die Fragen der Menschen zur europäischen Politik.

 

Die Nähe zu den Menschen schaffen

 

Seit letztem Jahr ist der Vertreter der europäischen Kommission für die Region PACA (Provence-Alpes-Côte d’Azur) Alain Dumort. Er hat für heute abend nichts vorbereitet, schließlich sind es die Bürger die zu Wort kommen sollen, die Basis also.

„Die Menschen fühlen sich weit weg von Europa“, stellt er fest. Dieser Abend soll auch darauf antworten und etwas zu einer verbesserten Kommunikation beitragen, es soll partizipativ zugehen.

Monsieur Dumort verfällt in seiner Einleitung dann doch ins Reden. Er spricht von den Anfängen Europas, von den Mutigen, die sich nach dem Krieg zusammentaten. 1957, die europäischen Verträge von Rom. Im März jährt sich diese Zäsur zum 60. Mal.

Das Positive ist jedoch schnell erschöpft. Es folgt ein Potpourri der Europäischen Krisen. Die rechten Parteien schweben wie das Damoklesschwert über den nächsten drei Nationalwahlen in Frankreich, den Niederlanden und in Deutschland. Man ist besorgt. Es gibt viel Widerstand in und gegen Europa, „Die Männer und Frauen auf den Straßen verlieren das Vertrauen“. Die Finanzkrise, ein drohender Grexit, die Eurokrise, die Schengen-Krise, die Flüchtlingskrise. Und es gibt noch so viele weitere Herausforderungen. Die Klimaerwärmung, der weltweite ökonomische Wettbewerb, die demographische Frage, der Brexit. Die Zuhörer nicken.
Dumort redet lange, in der letzten Reihe nicken zwei Senioren ein. Danach kommen die Fragen. Es geht um seine Aufgaben, was er so macht. Eine Musikerin möchte wissen, wie Europa Künstler unterstützt; die Vorsitzende von drei Vereinen fragt, wann die Umsetzung europäischer Direktiven zur Inklusion behinderter Menschen endlich auf regionaler Ebene ankommt. Ein Student, einer der wenigen Jüngeren in dem Raum, interessiert sich für Trump und die Nato.
Am Ende ist wie immer zu wenig Zeit. Die Fragen werden schnell gesammelt, Dumort muss sich beeilen alle zu beantworten. Beim Rausgehen gibt es noch einen kleinen Umtrunk, währenddessen hat jeder noch einmal die Gelegenheit das Wort an den Vertreter der Kommission zu richten, mit einer Bitte, einer Frage. Flyer und Visitenkarten werden ausgetauscht. Viele begrüßen sich herzlich, man kennt sich. Es wird über Ehrenämter und Flughobbies gesprochen.

 

Zweifel

 

Als ich zum Verlassen der Veranstaltung in den Aufzug stieg, hatte ich Zweifel. Das war kein inspirierender Abend, neue Informationen hatte ich irgendwie auch nicht erhalten und durch das ganze Reden über Krisen fühlte ich mich, wie öfters in solchen Situationen, etwas verloren in meinem Zeitgeist.
Bringen Veranstaltungen wie diese Europa den Menschen wirklich näher? Vielleicht. Wenigen. Ein gutes zwei-Drittel der Teilnehmer befand sich im besten Alter, sie waren oder sind für Europa tätig, oder sind ehrenamtlich in dessen breiten Themenfeld organisiert. Millenials waren kaum vertreten. Was ist aber das Problem? Oder ist es gar nicht Europa, was nicht zieht, sieht man doch die gleichen Tendenzen auf den nationalen Politikebenen. Es scheint schwer zu sein, zu interessieren. Obwohl – vielleicht sind solche Abende einfach nicht das geeignete Mittel, oder wurde die Veranstaltung nicht genügend beworben? Erst ein paar Stunden vor Beginn der Veranstaltung hatte ich auf Facebook davon erfahren. Da geht doch mehr. Aber wie stellt man so etwas an?

Von der sich öffnenden Aufzugstür wurde ich aus meinen herumspinnenden Marketingideen gerissen.

 

Einender Gedanke oder kleinster gemeinsamer Nenner?

 

Vor dem Eingang traf ich noch einen alten Kommunalpolitiker. Er sei früher im Senat gewesen, unter Giscard d’Estaing. Während er die angerauchte Zigarre aus seiner Hülle holte, sprach er über seine politischen Idole, Churchill und de Gaulle. Er sei überzeugter Europäer. Er täte alles für Europa. Trotz allem. Das schlimmste aber seien solche wie Marine Le Pen, die sind Gift. Mit einem Blick in die Ferne hielt er inne, lächelte und wandte sich mir verschmitzt zu „Ist es nicht wunderbar, diesen Frieden zu haben?“
Nie wieder Krieg. Das ist wohl das, worauf sich alle einigen können. Vor allem die Nachkriegsgeneration trägt das tief in sich.