Die 5 faszinierendsten Vordenker Europas

Europas große Vordenker: Von Rousseau bis Coudenhove-Kalergi

 

Die europäische Idee ist älter als wir manchmal glauben und es ist wirklich faszinierend in der Ideengeschichte ihre Entwicklung zu erkunden. Klar, man kann keine geraden Linien oder Kausalzusammenhänge von den einzelnen Akteuren bis hin zur Europäischen Union ziehen. Dennoch ist es immer wieder spannend zu sehen wer schon alles an der europäischen Idee gearbeitet hat und vor allem wann!

Die Ausprägungen der europäischen Idee als politisches Projekt sind stark mit dem Traum vom Frieden verbunden. Die ersten zwei unserer Famous-five-Liste können also nur die sein: unsere verehrten Herren Rousseau und Kant.

 

Jean-Jaques Rousseau

 

Buch Rousseau Friedensschriften Meiner

Rousseau Friedensschriften by Miriam Reif/ C

Rousseau stützt sich in seinen Friedensschriften wesentlich auf die Veröffentlichungen von Abbé de Saint-Pierre. In seinem „Extrait du Projet de la Paix Perpétuelle de Monsieur l’Abbé de Saint-Pierre“ (1761) entwickelt er Ideen zum europäischen Frieden auf dessen Basis und gibt in seinen folgenden Veröffentlichungen konkrete Vorschläge für ein friedliches Europa.

Rousseau ist Zeitzeuge vieler Kriege und er sieht als dauerhafte Lösung einen europäischen Staatenbund an, der den Menschen Stabilität und Sicherheit bringen soll. Dieser rousseausche Staatenbund wird durch eine Bundesversammlung geregelt und ein europäischer Gerichtshof wacht über die Einhaltung der allgemeinen Regeln.

 

 

Immanuel Kant

 

Buchseite Kant Zum ewigen Frieden

Kant Zum ewigen Frieden by Miriam Reif/ C

Kant möchte statt eines Völkerbundes einen europäischen Friedensbund, der auf einem allgemeinen Friedensvertrag basiert. Dieser Friedensbund soll föderal aufgebaut sein.

Es reicht ihm aber kein ausschließlich europäischer Frieden, denn dann würden sich nicht länger Fürstentümer, Königreiche und Republiken bekriegen, sondern die Konflikte würden sich einfach verschieben und dann eben auf Völkerbundebene geführt. In der Schrift „Zum ewigen Frieden“ (1795) sagt Kant ganz klar, dass nur eine Weltrepublik einen immer dauernden Frieden für die Menschen bringen kann.

Zugegeben, die Texte der beiden Philosophen sind stellenweise harter Tobak für die Gehirnwindungen, besonders natürlich Kant, der alte Schachtelsätzeschreiber. Entlohnt wird man aber mit wunderbaren Erkenntnissen: nämlich, dass Institutionen und Organisationen wie die Europäische Union, der Europäische Gerichtshof und die Vereinten Nationen die Verwirklichung von lange gehegten Konzeptionen und Ideen sind.

 

Einen lange eher unbekannten, trotzdem nicht minder bedeutenden europäischen Vordenker, finden wir in dem Italiener Mazzini.

 

Giuseppe Mazzini

 

Giuseppe Mazzini Bild

Giuseppe Mazzini by Emilie Venturi/ C

Der Politiker, Journalist und Humanist Giuseppe Mazzini (1805-1872) ist eine der bedeutenden Figuren des italienischen Risorgimento und wird heute von glühenden Europäern als Pionier eines föderalistischen Europas angesehen. Er gründete 1834 (!) verschiedene nationale Jugendorganisationen, die sich unter dem Dachverband „Junges Europa“ zusammen fanden. In seinen Schriften und Briefen ist die Idee von vereinigten europäischen Völkern und den Vereinigten Staaten von Europa sehr präsent.

 

 

Kommen wir zu einem Schwergewicht in der Europäischen Geschichtsschreibung: Monsieur Victor Hugo! Den Deutschen vor allem als Schriftsteller bekannt, hielt der Politiker, Poet und Publizist Victor Hugo 1849 vor dem Pariser Friedenskongress eine packende Eröffnungsrede.

 

Victor Hugo

 

Bild Victor Hugo Zeichnung

Victor Hugo by Mérimée/ C

Diese Rede wird im europäischen Kontext wirklich oft zitiert und laut Kritikern oft auch instrumentalisiert und überbewertet. Nichts desto trotz verursacht sie für viele Leser Gänsehaut und darf zu den größten Reden der Geschichte gezählt werden. Dafür verantwortlich ist zum einen ihr Stil, zum anderen ihr Inhalt. „Un jour viendra…Der Tag wird kommen“ läutet immer wieder Zukunftsvisionen ein, die vom schlussendlichen Niederlegen der Waffen und von den Vereinigten Staaten von Europa sprechen.

« Un jour viendra où vous ne vous ferez plus la guerre »

« (…) Der Tag wird kommen, an dem Ihr keinen Krieg mehr führen werdet, der Tag wird kommen, an dem Ihr keine bewaffneten Männer mehr ausheben werdet (…)“

„Der Tag wird kommen, an dem der Krieg zwischen Paris und London, zwischen Petersburg und Berlin, zwischen Wien und Turin so absurd scheinen und unmöglich sein wird, wie er heute zwischen Rouen und Amiens, zwischen Boston und Philadelphia unmöglich sein und absurd scheinen würde.
Der Tag wird kommen, an dem Ihr Frankreich, Ihr Russland, Ihr Italien, Ihr England, Ihr Deutschland, Ihr alle Nationen des Kontinents – ohne Eure unterschiedlichen Eigenschaften und Eure glorreiche Eigenheit zu verlieren -, Ihr Euch in einer höheren Einheit eng verschmelzen werdet und dabei die  europäische Brüderlichkeit bilden, genauso wie die Normandie, die Bretagne, der Burgund, Lothringen, das Elsass, alle unsere Landteile sich in Frankreich verschmolzen haben.

Der Tag wird kommen, an dem es keine weiteren Schlachtfelder mehr geben wird, ausser dem sich dem Handel öffnenden Markt und dem sich den Ideen öffnenden Verstand.

Der Tag wird kommen, an dem Kanonenkugeln und Bomben durch Abstimmungen, durch das allgemeine Wahlrecht, durch die ehrwürdige Schiedsgerichtsbarkeit eines grossen souveränen Senats ersetzt werden, der für Europa das sein wird, was das Parlament für England, was der Bundestag für Deutschland und das legislative Parlament für Frankreich ist! (…)“

Die ganze Rede in der Übersetzung hier und das Gänsehautoriginal hier.

 

Richard Coudenhove-Kalergi

 

Bild Coudenhove-Kalergi Europa

Coudenhove-Kalergi by Rozpravy Aventina/ C

Mit seinem 1923 erschienenem Buch „Pan-Europa“ war Kalergi Gründer der paneuropäischen Idee und inspirierte das Who-is-who der europäischen Denkerszene: Aristide Briand, Stefan Zweig, Paul Valéry, Thomas Mann, Albert Einstein, Sigmund Freud, Arthur Schnitzler, Jules Romain, José Ortega y Gasset und viele weitere bekannte Persönlichkeiten. Sie waren Intellektuelle, Kosmopoliten, waren polyglott und hatten den Schrecken der europäischen Katastrophe von 1914-18 erlebt. Sie sahen nur eine Zukunft: Frieden durch einen föderalistischen Staatenbund.  Die paneuropäische Bewegung hatte auch eine nicht zu unterschätzende ökonomische Ausrichtung. Mit dem Ziel einer Zollunion sollte die politische Kooperation gestärkt werden.

Durch den Aufstieg und die Machtergreifung Hitlers, sowie Stalins Diktatur und deren Unterstützer wurde die paneuropäische Idee zwischen den beiden Mächten zerrieben. Im Lesen über die Paneuropäer, ihre Schriften, Ideen und Forderungen kommt man nicht umhin den traurigen Gedanken „Was wäre gewesen, wenn…?“ über sein Wissen von den anschließenden Gräueln der Nazizeit gleiten zu lassen.

Wer mehr über Kalergis Einfluss auf Europa nach dem Krieg wissen will, wird hier fündig: Paneuropa.

 

Wenn dieses, mit einem kleinen Augenzwinkern konzipierte Ranking zu Aha-Momenten oder auch zum vertieftem Lesen führt, dann freut mich das sehr. Diskussionen sind willkommen, Anmerkungen und Kritik natürlich ebenso in der Kommentarspalte oder per Mail an info at leitmotiv-europe punkt eu.