Blog article about app divercities

Diese App ist (noch) ein Geheimtipp: Warum DIVERCITIES europaweit durchstarten MUSS

Diese App ist (noch) ein Geheimtipp: Warum DIVERCITIES europaweit durchstarten MUSS   Krisen, Krisen, Krisen – und die EU ist weit weg vom Menschen. Auch schon mal gedacht? Kein Problem! Ich stelle euch heute ein sehr cooles EU-Projekt vor, was sich direkt vor eurer Haustür und auf den digitalen Empfangsgeräten abspielt: Das Projekt Future DiverCities, mit seiner App DIVERCITIES. #EUinmyRegion

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Diese App ist (noch) ein Geheimtipp: Warum DIVERCITIES europaweit durchstarten MUSS

Blog article about app divercities

Diese App ist (noch) ein Geheimtipp: Warum DIVERCITIES europaweit durchstarten MUSS

 

Krisen, Krisen, Krisen – und die EU ist weit weg vom Menschen. Auch schon mal gedacht? Kein Problem! Ich stelle euch heute ein sehr cooles EU-Projekt vor, was sich direkt vor eurer Haustür und auf den digitalen Empfangsgeräten abspielt: Das Projekt Future DiverCities, mit seiner App DIVERCITIES. #EUinmyRegion

Future DiverCities. Global, vernetzt und doch regional

Future DiverCities. Dabei geht es um Schlagworte wie Kunst, Digitalisierung, urbane Räume, intelligente Lösungen, interkulturelle und internationale Vernetzung. Mit dabei sind 10 europäische und sogar ein kanadischer Partner, die alles zusammenbringen: Künstler, digital Players und jeden, der in der Stadt und der Region Lust hat mit dabei zu sein.

Future DiverCities2016-2020

Future DiverCities by Future DiverCities/ konteiner.org

Das ist Future DiverCities in Zahlen und Fakten

Future DiverCities kommt zuerst etwas unübersichtlich daher. Das liegt an seinen dezentralen und sehr zahlreichen Projekten und Angeboten. Ich habe für euch mal ein paar interessante Fakten aufgeschlüsselt:

Die 10 verschiedenen Partner des Projektes haben bereits mit mehr als 2000 Künstlern zusammen gearbeitet und mit etwa 250 weiteren Partnern auf lokaler Ebene. Mehr als 25.000 Menschen sollen jährlich an den Kultur- und Bildungsangeboten teilnehmen. Future DiverCities ist auf insgesamt 4 Jahre angelegt – von 2016 bis 2020 – und hat ein Gesamtbudget von 4 Millionen Euro, was von der Europäischen Kommission finanziert wird.

Als Ergebnis sieht man Workshops, Konferenzen, Innovation Labs, Konzerte und Veranstaltungen aller Art. Die jeweiligen Projektpartner sitzen in Bristol, Aix-en-Provence, Barcelona, Berlin, Zagreb, Kuopio, St. Étienne, Bergen, Quebec und Liepaja. Gemeinsam haben sie, dass sie den Zugang zur digitalen Kunst und Kultur promoten und vor allem das Ziel, diese – jenseits von verstaubten Kulturelfenbeintürmen – für alle zugänglich machen.

Screenshot App DIVERCITIES

Screenshot der App DIVERCITIES Marsatac On Air, Marseille

Die App: DIVERCITIES – der alternative Cityguide

Im Rahmen von Future DiverCities ist ein digitales Produkt entstanden: DIVERCITIES. Eine frisch gelaunchte App von 2017, die die Musik einer Stadt zu deinem persönlichen Soundtrack macht.

Sie kann mit Deezer, 1D touch music oder Spotify gekoppelt werden und geht somit auf deinen ganz persönlichen Musikgeschmack ein.
DIVERCITIES unterscheidet sich aber in einem markanten Punkt von anderen Streaming-Apps: 65% der Umsatzerlöse gehen direkt an die Künstler, wovon besonders die Kreativen in der Region profitieren.

Nach dem ersten Download wird schnell klar: das Projekt steckt noch in den Kinderschuhen, was aber niemanden davon abhalten sollte die App auszuprobieren! Denn was ebenso schnell ins Auge sticht – DIVERCITIES hat trotzdem sehr viel Potential und bietet schon jetzt kleine Überraschungen. Schauen wir uns die App also mal genauer an.

App Divercities in action

Soundtrack Marseille – App Divercities by Miriam Reif/ CC

Der Soundtrack meiner Stadt – DIVERCITIES in Aktion

Ich klicke auf den Menüpunkt „Konzerte“ und bekomme direkt 24 Veranstaltungen in meiner Region angezeigt – alle in Marseille. Danach klicke ich auf ein Fähnchen in der GoogleMaps Karte und sehe, das Marsatac am 21.06. im Parc Chanot spielen. Als Alternative gibt’s das Konzert aber auch On Air, mit zusätzlichem DJ Set im Friche Belle de Mai. Tanzen auf der Dachterrasse der alten Industrieanlage, mit Blick über Marseille und das Mittelmeer. Besser geht nicht. Als musikalischen Vorgeschmack laufen auf DIVERCITIES schon jetzt für mich Marsatac und Sounds von den DJs der bevorstehenden Veranstaltung. Seeehr cool.

Screenshot Diversities App Karte

DIVERSITIES App Google Maps

Ich forsche weiter, gehe auf „Ausstellungen“ und finde eine Playlist des Marseiller Musiklabels I.O.T. Records. Fette Independent Sounds spielt DIVERCITIES jetzt ab. Das Label kannte ich vorher noch nicht. Definitiv ein Gewinn.

Die App kann aber noch mehr. Sie ist ein musikalischer und kultureller Cityguide. Für den berühmten Friedhof Père Lachaise in Paris gibt es eine eigene Playlist. „Les feuilles mortes“ und das Klavier von Thelonious Monk verursachen die passende Gänsehaut. Neben der Musik sind auch eingebettete Youtube-Videos und Radiopotcasts verfügbar und sorgen somit für ein facettenreiches Hintergrundwissen über die Location.

Bisher findet man Veranstaltungen und Cityguides vor allem in Frankreich. Marseille, Paris, Lyon und Nantes sind ganz vorne dabei, was daran liegt, dass DIVERCITIES ein Produkt der französischen Partner von Future DiverCities ist. Brüssel ist für Belgien mittlerweile auch am Start. Die nächsten Schritte sind Barcelona, Berlin und Bristol – und von da aus hoffentlich ganz Europa!

Go for it! DIVERCITIES hat viel Potenzial

Wie schon gesagt, die App wurde erst dieses Jahr veröffentlicht und ist definitiv noch ein Geheimtipp. Die Stärke von DIVERCITIES liegt klar in dem Zugänglichmachen von Musik, Kulturinfos und Events für die Leute, die sich an Ort und Stelle dafür interessieren. Was in einer Stadt, die man nicht so gut kennt, kulturell abgeht, ist nämlich gar nicht so leicht herauszufinden. Oft ist nicht klar, nach was man im Netz suchen soll und vor allem auf welchen lokalen Seiten sich die Infos verstecken. DIVERCITIES funktioniert auch ohne dieses Insiderwissen und vor allem, durch die intuitive Bedienung, ohne die jeweilige Landessprache zu kennen. (!)

DIVERCITIES Screenshot I.O.T. Records Marseille

App DIVERSITIES Screenshot, I.O.T. Records, Marseille

Die User von DIVERCITIES bekommen anhand der App ein ganz anderes Bild von der Stadt und schauen quasi hinter ihre Fassaden. Für lokale Bands und Kultureinrichtungen ist die App ein absoluter Gewinn, denn sie bietet eine einmalige Plattform sich innerhalb einer Stadt und Region zu präsentieren.

Vor den Machern von DIVERCITIES steht noch eine Menge Arbeit und ich hoffe, dass der lange Atem und auch das Budget ausreichen wird, damit alle Europäer diese coole App auch nutzen können.

Von mir gibt es jedenfalls 5 von 5 möglichen Sternchen. Einige Vorschusslorbeeren und Anfangseuphorie mit eingerechnet, weil die App jung ist, sehr sympathisch rüberkommt und wirklich viel Potenzial hat.

🌟 🌟 🌟 🌟 🌟

 

 

March for Europe 2017 – May the European Force be with you

March-for-Europe-Rome

March for Europe – Demo der Europäer

ROM – 25. März 2017 March for Europe: Anlässlich des 60sten Jahrestages der Unterzeichnung der Römischen Verträge 1957 feiern über 6000 Menschen Europa

Es ist perfekt: Frühling, Sonne, Italien. Was will man mehr. Auf der Piazza Bocca della Verità trudeln langsam die Menschen ein. Viele haben Fahnen und Schilder mitgebracht, diejenigen die ohne angereist sind, werden von den Organisatoren mit dem nötigen Demoequipment versorgt. Von der noch leeren Bühne dröhnt Gute-Laune-Musik und die Umherstehenden nutzen die Gelegenheit sich auszutauschen. Es geht um Europa.

Marche for Europe in Rome 2017 Foto

Demonstration March for Europe in Rom

Anti Brexit – Pro Europa

Demonstranten-March-For-Europe

March for Europe – Deutsch-Engländerin Helena und Pernelle aus Frankreich

Der Brexit ist dominantes Thema. Ich treffe Helena (20). Sie hat einen deutschen und einen britischen Pass, studiert Jura in München und absolviert gerade ihr Erasmus-Semester in Italien. Was genau der Brexit bedeuten wird und wie sich die Folgen des kommenden Austritts auch auf ihr Leben auswirken werden, weiß sie noch nicht. Um sich persönlich macht sie sich jedoch keine Sorgen. Die Hälfte ihrer Familie jedoch besitzt nur eine Staatsangehörigkeit und hat somit keine Wahl. „Meine Familie steht absolut nicht hinter der Brexit-Politik“, erzählt sie „Es bricht mir das Herz zu sehen, wie die Errungenschaften der Europäischen Union für die kommende Generation verspielt werden.“

March for Europe Anti-Brexit-EU-Brexit

No to Brexit

Sie ist eine von den 48%, die gegen den Brexit gestimmt haben und sich um ihre Zukunft betrogen fühlen – und sie ist nicht die Einzige. Eine ganze Delegation von Anti- Brexiteers ist nach Rom gereist, um ihre Zugehörigkeit zu Europa zu demonstrieren. „Europa bedeutet Einheit und Frieden. Wir haben viel mehr gemeinsam als uns trennt. Wir fühlen uns als Europäer – wir sind Europäer !“, erklärt mir eine Schottin, die extra für diese Veranstaltung nach Rom gereist ist. Ein anderer Demonstrationsteilnehmer, Neil, erzählte mir, dass 2014 alle seine Bekannten beim schottischen Referendum über eine mögliche Unabhängigkeit für den Verbleib in Großbritannien gestimmt haben. Jetzt sieht die Situation jedoch vollkommen anders aus und ihre Hoffnungen liegen alle auf Nicola Sturgeon und einem eventuellen, erneuten Referendum.

Mehr Europa: Europäische Föderalisten und Stand up for Europe

Die Demonstration Marsch für Europa 2017 ist eine durchweg positive Veranstaltung. Die Menschen hier sind weit entfernt davon wütend und unzufrieden zu sein. Dennoch ist auch hier allen klar: Rund läuft es nicht für die Europäische Union. Es gibt viele Baustellen, am häufigsten werden die Probleme in der Finanz- und Migrationspolitik genannt, auch der Brexit und rechte Demagogen sind ein Thema. Doch im Gegensatz zu vielen Kritikern wird hier die Frage, was die Europäische Union besser machen sollte, sehr eindeutig beantwortet: Wir brauchen mehr Europa – mehr Kooperation und engere Zusammenarbeit.

Mitglieder-Union-Europäischer-Föderalisten

Claudio und Allessandro von der Unione dei Federalisti Europei

Einer der Hauptveranstalter des March for Europe ist die Union Europäischer Föderalisten und deren Jugendorganisation. Ihre weißen Fahnen mit dem grünen E bestimmen, zusammen mit den Europafahnen, das Bild dieser Kundgebung. Sie sind aus vielen Ländern angereist, ich kann Vertreter aus Österreich, Ungarn, Italien, Frankreich, der Ukraine, Belgien und Italien ausmachen. Sie verstehen sich als die Erben der Paneuropäischen Bewegung von Koudenhove-Kalerghi und arbeiten auf eine voranschreitende europäische Integration hin, dessen Ziel ein föderaler Staat ist. Das ist auch der Grund, warum Claudio (66) und Alessandro (67) nach Rom gekommen sind. Auch sie sehen, dass Europa Schwierigkeiten hat. Statt jedoch eine Rückkehr zum Nationalstaat zu fordern, wollen sie mehr europäische Einigung bis hin zu den Vereinigten Staaten von Europa.

Sie haben gute Argumente. Die europäische Politik konnte nur verspätet auf die Finanzkrise von 2008 reagieren und zeigte sich weit entfernt von einer effektiv handelnden Einheit. Das harte Ringen zwischen Europäischer Kommission, Zentralbank und Internationalem Währungsfond endete in der Austeritätspolitik, die die beiden Venetianer besonders kritisch betrachten. Die Föderalisten stehen für ein Europa der Solidarität und wollen so die Spaltung zwischen Ost und West, Nord und Süd aufhalten.

Ähnliche Ziele hat auch die Bewegung Stand up for Europe. Hier wird ein gemeinsames Budget innerhalb einer gemeinsamen Haushaltspolitik gefordert, was als natürliche Ergänzung der schon existierenden gemeinsamen Währung dient. Ein Vereinigtes Europa in den Bereichen von Bildung, Gesundheit, Verteidigung und den Sozialsystemen ist für sie das Mittel für eine bessere Integration und gegen ein Auseinanderdriften verschiedener Europas.

Forderungen-MARCH FOR EUROPE

Europa der Solidarität

Euroskeptizismus und Nationalismus

Anti-EU-Demo-

Anti-EU Demonstration in Rom

In Rom zeigte sich aber auch, dass die europäischen Polykrisen der vergangenen Jahre nicht durchweg mit einer optimistischen und proeuropäischen Haltung beantwortet werden. Vier von fünf Demonstationen präsentierten sich euroskeptisch, darunter die Kommunistische Partei Italiens, der scharze Block und eine Allianz von verschiedenen rechten Parteien und Gruppierungen, wie etwa dem Movimento Nationale.

Den Diskurs nicht den Rechten überlassen

Nach dem Brexit-Schock, der Wahl Trumps und einer Türkei im Demokratieabbau ist Vielen klargeworden, dass ein friedliches und gemeinschaftliches Europa nichts selbstverständlich Gegebenes ist. Politik ist keine Dienstleistung und wer für eine demokratische und freie Gesellschaft ist, muss für sie einstehen und sie gestalten. Es sind diese Errungenschaften und Werte, die man bisweilen mit demokratischen Mitteln verteidigen muss und das geschieht auch hier in Rom, auf dem March for Europe, durch diese engagierten Menschen.

Europe Flag

Young Federalists

Europanerds und Berufseuropäer

Eines muss man in dem Bericht über die Europaparty in Rom auch klar erwähnen: Hier versammelten sich die, die Europa nah sind. Sie sind Parteimitglieder, sind Föderalisten oder Unterstützer proeuropäischer Organisationen. EU-Politiker unterstützten die Veranstaltung, Beschäftigte der Kommission, Erasmusstudenten. Das Bildungsniveau ist hoch, alle sind äußerst informiert und keiner hat Zweifel oder muss gar überzeugt werden. Debattiert wird über ein Europa verschiedener Geschwindigkeiten oder wie man EU-Themen besser an die Menschen bringen kann. Doch im Gegensatz zu der zögerlichen Unterzeichnung der Erklärung von Rom durch die 27 Vertreter der EU-Mitgliedsstaaten, wissen die Menschen hier genau was sie wollen: mehr Europa. Ein besseres, einiges und solidarisches – ein gemeinsames Europa.

Die 5 faszinierendsten Vordenker Europas

Europas große Vordenker: Von Rousseau bis Coudenhove-Kalergi

 

Die europäische Idee ist älter als wir manchmal glauben und es ist wirklich faszinierend in der Ideengeschichte ihre Entwicklung zu erkunden. Klar, man kann keine geraden Linien oder Kausalzusammenhänge von den einzelnen Akteuren bis hin zur Europäischen Union ziehen. Dennoch ist es immer wieder spannend zu sehen wer schon alles an der europäischen Idee gearbeitet hat und vor allem wann!

Die Ausprägungen der europäischen Idee als politisches Projekt sind stark mit dem Traum vom Frieden verbunden. Die ersten zwei unserer Famous-five-Liste können also nur die sein: unsere verehrten Herren Rousseau und Kant.

 

Jean-Jaques Rousseau

 

Buch Rousseau Friedensschriften Meiner

Rousseau Friedensschriften by Miriam Reif/ C

Rousseau stützt sich in seinen Friedensschriften wesentlich auf die Veröffentlichungen von Abbé de Saint-Pierre. In seinem „Extrait du Projet de la Paix Perpétuelle de Monsieur l’Abbé de Saint-Pierre“ (1761) entwickelt er Ideen zum europäischen Frieden auf dessen Basis und gibt in seinen folgenden Veröffentlichungen konkrete Vorschläge für ein friedliches Europa.

Rousseau ist Zeitzeuge vieler Kriege und er sieht als dauerhafte Lösung einen europäischen Staatenbund an, der den Menschen Stabilität und Sicherheit bringen soll. Dieser rousseausche Staatenbund wird durch eine Bundesversammlung geregelt und ein europäischer Gerichtshof wacht über die Einhaltung der allgemeinen Regeln.

 

 

Immanuel Kant

 

Buchseite Kant Zum ewigen Frieden

Kant Zum ewigen Frieden by Miriam Reif/ C

Kant möchte statt eines Völkerbundes einen europäischen Friedensbund, der auf einem allgemeinen Friedensvertrag basiert. Dieser Friedensbund soll föderal aufgebaut sein.

Es reicht ihm aber kein ausschließlich europäischer Frieden, denn dann würden sich nicht länger Fürstentümer, Königreiche und Republiken bekriegen, sondern die Konflikte würden sich einfach verschieben und dann eben auf Völkerbundebene geführt. In der Schrift „Zum ewigen Frieden“ (1795) sagt Kant ganz klar, dass nur eine Weltrepublik einen immer dauernden Frieden für die Menschen bringen kann.

Zugegeben, die Texte der beiden Philosophen sind stellenweise harter Tobak für die Gehirnwindungen, besonders natürlich Kant, der alte Schachtelsätzeschreiber. Entlohnt wird man aber mit wunderbaren Erkenntnissen: nämlich, dass Institutionen und Organisationen wie die Europäische Union, der Europäische Gerichtshof und die Vereinten Nationen die Verwirklichung von lange gehegten Konzeptionen und Ideen sind.

 

Einen lange eher unbekannten, trotzdem nicht minder bedeutenden europäischen Vordenker, finden wir in dem Italiener Mazzini.

 

Giuseppe Mazzini

 

Giuseppe Mazzini Bild

Giuseppe Mazzini by Emilie Venturi/ C

Der Politiker, Journalist und Humanist Giuseppe Mazzini (1805-1872) ist eine der bedeutenden Figuren des italienischen Risorgimento und wird heute von glühenden Europäern als Pionier eines föderalistischen Europas angesehen. Er gründete 1834 (!) verschiedene nationale Jugendorganisationen, die sich unter dem Dachverband „Junges Europa“ zusammen fanden. In seinen Schriften und Briefen ist die Idee von vereinigten europäischen Völkern und den Vereinigten Staaten von Europa sehr präsent.

 

 

Kommen wir zu einem Schwergewicht in der Europäischen Geschichtsschreibung: Monsieur Victor Hugo! Den Deutschen vor allem als Schriftsteller bekannt, hielt der Politiker, Poet und Publizist Victor Hugo 1849 vor dem Pariser Friedenskongress eine packende Eröffnungsrede.

 

Victor Hugo

 

Bild Victor Hugo Zeichnung

Victor Hugo by Mérimée/ C

Diese Rede wird im europäischen Kontext wirklich oft zitiert und laut Kritikern oft auch instrumentalisiert und überbewertet. Nichts desto trotz verursacht sie für viele Leser Gänsehaut und darf zu den größten Reden der Geschichte gezählt werden. Dafür verantwortlich ist zum einen ihr Stil, zum anderen ihr Inhalt. „Un jour viendra…Der Tag wird kommen“ läutet immer wieder Zukunftsvisionen ein, die vom schlussendlichen Niederlegen der Waffen und von den Vereinigten Staaten von Europa sprechen.

« Un jour viendra où vous ne vous ferez plus la guerre »

« (…) Der Tag wird kommen, an dem Ihr keinen Krieg mehr führen werdet, der Tag wird kommen, an dem Ihr keine bewaffneten Männer mehr ausheben werdet (…)“

„Der Tag wird kommen, an dem der Krieg zwischen Paris und London, zwischen Petersburg und Berlin, zwischen Wien und Turin so absurd scheinen und unmöglich sein wird, wie er heute zwischen Rouen und Amiens, zwischen Boston und Philadelphia unmöglich sein und absurd scheinen würde.
Der Tag wird kommen, an dem Ihr Frankreich, Ihr Russland, Ihr Italien, Ihr England, Ihr Deutschland, Ihr alle Nationen des Kontinents – ohne Eure unterschiedlichen Eigenschaften und Eure glorreiche Eigenheit zu verlieren -, Ihr Euch in einer höheren Einheit eng verschmelzen werdet und dabei die  europäische Brüderlichkeit bilden, genauso wie die Normandie, die Bretagne, der Burgund, Lothringen, das Elsass, alle unsere Landteile sich in Frankreich verschmolzen haben.

Der Tag wird kommen, an dem es keine weiteren Schlachtfelder mehr geben wird, ausser dem sich dem Handel öffnenden Markt und dem sich den Ideen öffnenden Verstand.

Der Tag wird kommen, an dem Kanonenkugeln und Bomben durch Abstimmungen, durch das allgemeine Wahlrecht, durch die ehrwürdige Schiedsgerichtsbarkeit eines grossen souveränen Senats ersetzt werden, der für Europa das sein wird, was das Parlament für England, was der Bundestag für Deutschland und das legislative Parlament für Frankreich ist! (…)“

Die ganze Rede in der Übersetzung hier und das Gänsehautoriginal hier.

 

Richard Coudenhove-Kalergi

 

Bild Coudenhove-Kalergi Europa

Coudenhove-Kalergi by Rozpravy Aventina/ C

Mit seinem 1923 erschienenem Buch „Pan-Europa“ war Kalergi Gründer der paneuropäischen Idee und inspirierte das Who-is-who der europäischen Denkerszene: Aristide Briand, Stefan Zweig, Paul Valéry, Thomas Mann, Albert Einstein, Sigmund Freud, Arthur Schnitzler, Jules Romain, José Ortega y Gasset und viele weitere bekannte Persönlichkeiten. Sie waren Intellektuelle, Kosmopoliten, waren polyglott und hatten den Schrecken der europäischen Katastrophe von 1914-18 erlebt. Sie sahen nur eine Zukunft: Frieden durch einen föderalistischen Staatenbund.  Die paneuropäische Bewegung hatte auch eine nicht zu unterschätzende ökonomische Ausrichtung. Mit dem Ziel einer Zollunion sollte die politische Kooperation gestärkt werden.

Durch den Aufstieg und die Machtergreifung Hitlers, sowie Stalins Diktatur und deren Unterstützer wurde die paneuropäische Idee zwischen den beiden Mächten zerrieben. Im Lesen über die Paneuropäer, ihre Schriften, Ideen und Forderungen kommt man nicht umhin den traurigen Gedanken „Was wäre gewesen, wenn…?“ über sein Wissen von den anschließenden Gräueln der Nazizeit gleiten zu lassen.

Wer mehr über Kalergis Einfluss auf Europa nach dem Krieg wissen will, wird hier fündig: Paneuropa.

 

Wenn dieses, mit einem kleinen Augenzwinkern konzipierte Ranking zu Aha-Momenten oder auch zum vertieftem Lesen führt, dann freut mich das sehr. Diskussionen sind willkommen, Anmerkungen und Kritik natürlich ebenso in der Kommentarspalte oder per Mail an info at leitmotiv-europe punkt eu.

 

„Ich bin zwar keine Feministin, aber…“

Gender Symbol Europa

Feminismus, Europa – und was ist mit dir?

Für Frauenrechte, gegen Diskriminierung – und dennoch: Vielen ist Feminismus peinlich – und das ist kein kulturelles Phänomen

Seltsamer Weise höre ich diesen Satzanfang in der letzten Zeit immer häufiger: „Ich bin ja absolut keine Feministin, aber…“, obwohl ich eigentlich den Eindruck hatte, dass das (zumindest) deutsche Feuilleton und so wunderbare Seiten wie Edition F, den Feminismus entstaubt, geglamt oder immerhin wieder salonfähig geschrieben haben.

Trotzdem lese und höre ich, egal ob aus meinem deutschen, französischen, oder amerikanischen Umkreis: Feministinnen sind wir nicht. Klar, gleiches Gehalt, gleiche Rechte und eine ausgeglichene Rollenverteilung im Familienleben sind schon wichtig, aber deswegen muss ich ja nicht so sein. Vor kurzem postete eine rumänische Bekannte ein Video aus dem europäischen Parlament, von dem an fortgeschrittener Debilität leidenden Janusz Korwin-Mikke. Darüber schrieb sie den Ich-bin-keine-Feministin-Satz, dann kam das berühmte „aber“ und dann, dass der Typ ein Idiot sei. Ihre Einschätzung zu dem parteilosen Rassisten und Frauenfeind kann ich erstmal so stehen lassen, aber warum die Distanzierung zum Feminismus?

Die nicht repräsentativen Stichproben aus meinem Umfeld zeigen mir deutlich: es liegt nicht an den jeweiligen Kultur- oder Länderunterschieden, dass Feminismus so unangenehm wie Herpes empfunden wird. Was ist aber das Problem?

 

Habt ihr Angst vor Ismen?

 

Ein Ismus ist eine geistige Haltung und ja – auch eine politische Richtung. Sobald man Position bezieht macht man sich angreifbar, das fühlt sich bisweilen nicht sehr komfortabel an. Erschwerend hinzu kommt noch, dass Ismen eher negativ wahrgenommen werden. Es ist sehr viel einfacher gegen einen Ismus Position zu beziehen: Gegen Rassismus, Opportunismus, Dilettantismus. Selbst wenn man über Liberalismus spricht kommt dem eine -mindestenz distanzierte – Haltung zu. Will man positiv von dieser Überzeugung und Lehre reden, nennt man sie geschmeidig „liberale Ideen“. Den Umweg meine Gleichberechtigung über verschwurbelte Wortneuschöpfungen einzufordern ist mir jedoch zu umständlich. Es gibt Dringenderes zu tun.

 

Was ist denn jetzt mit dem Feminismus?

 

Feminismus ist nichts, was andere herabsetzt. Feminismus ist das Grundverständnis von gleichen Rechten und Pflichten für beide Geschlechter und die Forderung danach. Der Feminismus ist nichts Homogenes und so trifft man dort wie überall Aktionen und Menschen, denen man eher naserümpfend ausweichen möchte. Das ändert aber gar nichts am Grundsätzlichen.

Feminismus ist im Übrigen auch nicht exklusiv für Frauen reserviert. Ja, Männer, ihr dürft gerne laut aussprechen, dass es euch ganz und gar nicht egal ist, wenn eure Freundin, Tochter, Mutter ungleich behandelt oder herabgesetzt wird. Tatsächlich darf diese Haltung am Arbeitsplatz, in geselliger Runde und in der Politik auch für Männer Feminismus heißen.

 

Sprechen wir über Ungleichheit in Europa

 

Bezahlung

 

Das durchschnittliche Lohngefälle zwischen Männern und Frauen innerhalb der Europäischen Union lag 2013 bei 16,4%. Deutschland liegt mit 21,4% auf Platz 5 dieser unrühmlichen Liste.

Gender Paygap Europa Europe

 

 

Berufstätigkeit

 

In Deutschland sind über 70% der Frauen berufstätig, was, jedenfalls im europäischen Vergleich (62,6%), ein ganz gutes Ergebnis ist. Fast die Hälfte von diesen Frauen arbeitet jedoch in Teilzeit und da liegt der Hund begraben. Teilzeitarbeit ist die wesentliche Basis von geschlechtsspezifischem Rentengefälle und erhöhter Altersarmut von Frauen.

 

Beschäftigungsquote Frauen EU Europa

Diskriminierung in der Gesellschaft und im Alltag

 

Wir kennen tägliche Diskriminierung. Manche haben damit mehr, andere weniger Probleme. Das Ganze reicht vom gepflegten Herrenwitz über eine wesentlich höhere Elternzeit bei Frauen bis hin zur Gläsernen Decke – und sie ist in allen Ländern der Europäischen Union alltäglich vertreten.

 

Es liegt tatsächlich auch an dir

 

Die Gesetze sind da. Gleichberechtigung, Gleichbehandlung, Erziehungsgeld, Elternzeit. Bei letzterem gibt es noch einiges zu tun, aber man muss ebenso hinzufügen: Wesentliche Schritte wurden gemacht und jetzt bist auch du dran.

Dieses Sich-entschuldigen-wollen, weil man die Diskriminierung von Frauen anspricht, ist so unterwürfig gegenüber dem bestehenden System, dass es eigentlich DAS Paradebeispiel dafür ist, was hier bei uns alles nicht stimmt. Man muss es ganz klar sagen: Mit einem, „Also ich würde ja keinesfalls vehement dafür einstehen, aber…könnte ich vielleicht die gleiche Bezahlung wie mein männlicher Kollege haben, bitte?“, kommen wir absolut nicht weiter.

Unsere sozialen Rollen sind durch Jahrhunderte alte Bilder geprägt. Vererbte Rollenverständnisse werden reaktiv und unreflektiert weitergereicht und so enden die Kinder in einer Welt von rosa und blau, geschlechtsspezifischen Bücherregalen, identifizieren sich Mädchen mit allem Sozialen und Jungen mit Baggerführern. Dabei ist es weder für unsere weiblichen, noch für unsere männlichen Nachkommen wünschenswert in steife Rollenklischees gedrückt zu werden. Freie Entfaltung lassen diese nämlich nicht zu. Um es noch einmal klar zu benennen: Die in Ungleichheit heranwachsenden Menschen können überhaupt keine chancengleiche Gesellschaft bilden.

 

Wie den Teufelskreis durchbrechen?

 

Wir müssen permanent unser Handeln und Reden in Frage stellen. Was ist und was ist nicht wünschenswert? Was macht das mit meinem Gegenüber, wenn ich lobend auf heute gut gewählte Garderobe verweise und würde ich das bei dem Geschlechtsäquivalent ebenso tun? Was macht es mit einem Kind, dem ich eine Art von Spielzeug schenke? Was bewirkt mein Reden und Schreiben?

Feminismus ist ein Standpunkt, der es wert ist, ihn nicht mehr nötig haben zu wollen. Diese Utopie erreichen wir aber nicht um so schneller, je früher wir ihn mit Dreck besudeln. Wenn Frauen sich vom Feminismus distanzieren, bringt sie das nicht in eine bessere Position, oder in eine, in der sie den Feminismus nicht mehr brauchen.

 

Die politische Rechte in Europa

 

Rechte Parteien stehen in ihren Startlöchern, vernetzen sich europaweit, oder sind schon längst am Werk. Der Rechtspopulist Victor Orban hat keine einzige Frau in seiner Regierung und arbeitet an der Verschärfung von Abtreibungsgesetzen. Auch in Polen wird dies immer nachdrücklicher gefordert. Wenn Geert Wilders über die Diskriminierung von Frauen spricht, zielt er nicht auf Chancengleichheit ab, sondern er instrumentalisiert sie für das Schüren seines antiislamischen Hasses.

Frauke Petry und Marine Le Pen sind schlechte Gallionsfiguren weiblicher Führungskräfte in Spitzenpositionen. Sie und ihre Mitstreiterinnen in Europas rechten Parteien schließen sehr erfolgreich die radical right gender gap, propagieren aber ein traditionelles Familienbild, torpedieren Quoten und wollen Abtreibungen erschweren. Sie ziehen mit einem verwässerten Feminismusbegriff in den Wahlkampf, der sich bei genauem Hinsehen als Trojanisches Pferd entpuppt.

Die rechten Kräfte in Europa sind ein mahnendes Beispiel dafür, wie schnell die, auch und besonders durch den Feminismus, erstrittenen Werte einer Gesellschaft in Freiheit und Gleichheit in den Wind geschleudert werden. Ermuntert noch durch den Erfolg des twitternden Oberhäuptlings reaktionärer Minderheiten- und Frauenhasser aus Übersee.

 

Erworbenes verteidigen, verbessern und weitergeben

 

Denn Frauenrechte sind leider nicht unverrückbar. Sie wurden über Jahrhunderte weg erstritten und wir sind die Glücklichen, die sich innerhalb Europas nicht mehr für gleiche juristische Rechte einsetzen müssen. Wir aber haben eine nicht minder herausfordernde Aufgabe: Wir müssen für die Durchsetzung dieser Rechte kämpfen, ihrer Umsetzung im Alltag. Wir müssen die Gedankenschranken aufbrechen, unsere eigenen und die von anderen in unserem Umfeld. Die Umfragen des Eurobarometer 2014 zeigen uns ganz klar woran wir arbeiten müssen. Unfassbare 60% der europäischen Bevölkerung denken, dass die Familie darunter leidet, wenn die Mutter in Vollzeit arbeitet und nicht mal 30% denken, dass der Vater seine beruflichen Prioritäten zugunsten der Familie neu definieren sollte.

 

Ungleichheit-Geschlechterrollen-Mann-Frau-Europa

 

 

Es gibt so viel zu dem Thema zu sagen, zu schreiben und zu tun und ich wünsche mir mehr Menschen um mich herum, die sich dessen bewusst werden. Dafür muss sich niemand lauthals zum Feministen oder zur Feministin erklären, aber ihr könntet mir und euch selbst die Entmutigung des „Ich-bin-ja-kein“-Satzes ersparen und dadurch mit ungebremster Wucht auf Ungerechtigkeiten aufmerksam machen.

 

Quellen:

Europäische Kommission – Pressemitteilung: Gleichstellung von Frauen und Männern bleibt europäische Herausforderung, 2015

Europäischen Parlament: Wirtschaftliche Unabhängigkeit und die Lage der Frauen auf dem Arbeitsmarkt der Europäischen Union, 2014

Europäische Kommission ganz nah: Mein Abend bei Regionaleuropäern

Logo der Eurpäischen Kommission

Europäische Kommission ganz nah:
Mein Abend bei Regionaleuropäern

Bericht über den Diskussionsabend mit Alain Dumort, Vertreter der Europäischen Kommission in Marseille

Wir sind in einem Vereinshaus. Schnell werden noch einige Stühle hereingebracht, es sind doch ein paar mehr Menschen gekommen als erwartet. Wir sind etwa fünfzig, die sich für „En direct avec la Commission Européen“ interessieren. Eingeladen hat das Maison de l’Europe Aix-en-Provence. Mit an der Tischreihe sitzen der Vorsitzende Alain-Pierre Merger, ein paar weitere Vertreter und der Hauptredner des Abends, Alain Dumort.

 

Hier also ist Europa

 

Die Vertretungsbüros der Europäischen Kommission in Frankreich und Deutschland existieren seit den fünfziger Jahren. Heute gibt es sie in allen 28 Mitgliedstaaten. Sie stellen ein Bindeglied zwischen europäischer Öffentlichkeit, nationaler Politik und der Europäischen Kommission her. Dazu gehören auch weitere Programme, unter anderem auch die Informationszentren von Europe Direct. Sie bieten Rat und Hilfe für Unternehmen, Vorträge und Veranstaltungen zu europäischen Themen, stellen und erleichtern Kooperationen im Bereich Forschung und Technik, oder beantworten einfach die Fragen der Menschen zur europäischen Politik.

 

Die Nähe zu den Menschen schaffen

 

Seit letztem Jahr ist der Vertreter der europäischen Kommission für die Region PACA (Provence-Alpes-Côte d’Azur) Alain Dumort. Er hat für heute abend nichts vorbereitet, schließlich sind es die Bürger die zu Wort kommen sollen, die Basis also.

„Die Menschen fühlen sich weit weg von Europa“, stellt er fest. Dieser Abend soll auch darauf antworten und etwas zu einer verbesserten Kommunikation beitragen, es soll partizipativ zugehen.

Monsieur Dumort verfällt in seiner Einleitung dann doch ins Reden. Er spricht von den Anfängen Europas, von den Mutigen, die sich nach dem Krieg zusammentaten. 1957, die europäischen Verträge von Rom. Im März jährt sich diese Zäsur zum 60. Mal.

Das Positive ist jedoch schnell erschöpft. Es folgt ein Potpourri der Europäischen Krisen. Die rechten Parteien schweben wie das Damoklesschwert über den nächsten drei Nationalwahlen in Frankreich, den Niederlanden und in Deutschland. Man ist besorgt. Es gibt viel Widerstand in und gegen Europa, „Die Männer und Frauen auf den Straßen verlieren das Vertrauen“. Die Finanzkrise, ein drohender Grexit, die Eurokrise, die Schengen-Krise, die Flüchtlingskrise. Und es gibt noch so viele weitere Herausforderungen. Die Klimaerwärmung, der weltweite ökonomische Wettbewerb, die demographische Frage, der Brexit. Die Zuhörer nicken.
Dumort redet lange, in der letzten Reihe nicken zwei Senioren ein. Danach kommen die Fragen. Es geht um seine Aufgaben, was er so macht. Eine Musikerin möchte wissen, wie Europa Künstler unterstützt; die Vorsitzende von drei Vereinen fragt, wann die Umsetzung europäischer Direktiven zur Inklusion behinderter Menschen endlich auf regionaler Ebene ankommt. Ein Student, einer der wenigen Jüngeren in dem Raum, interessiert sich für Trump und die Nato.
Am Ende ist wie immer zu wenig Zeit. Die Fragen werden schnell gesammelt, Dumort muss sich beeilen alle zu beantworten. Beim Rausgehen gibt es noch einen kleinen Umtrunk, währenddessen hat jeder noch einmal die Gelegenheit das Wort an den Vertreter der Kommission zu richten, mit einer Bitte, einer Frage. Flyer und Visitenkarten werden ausgetauscht. Viele begrüßen sich herzlich, man kennt sich. Es wird über Ehrenämter und Flughobbies gesprochen.

 

Zweifel

 

Als ich zum Verlassen der Veranstaltung in den Aufzug stieg, hatte ich Zweifel. Das war kein inspirierender Abend, neue Informationen hatte ich irgendwie auch nicht erhalten und durch das ganze Reden über Krisen fühlte ich mich, wie öfters in solchen Situationen, etwas verloren in meinem Zeitgeist.
Bringen Veranstaltungen wie diese Europa den Menschen wirklich näher? Vielleicht. Wenigen. Ein gutes zwei-Drittel der Teilnehmer befand sich im besten Alter, sie waren oder sind für Europa tätig, oder sind ehrenamtlich in dessen breiten Themenfeld organisiert. Millenials waren kaum vertreten. Was ist aber das Problem? Oder ist es gar nicht Europa, was nicht zieht, sieht man doch die gleichen Tendenzen auf den nationalen Politikebenen. Es scheint schwer zu sein, zu interessieren. Obwohl – vielleicht sind solche Abende einfach nicht das geeignete Mittel, oder wurde die Veranstaltung nicht genügend beworben? Erst ein paar Stunden vor Beginn der Veranstaltung hatte ich auf Facebook davon erfahren. Da geht doch mehr. Aber wie stellt man so etwas an?

Von der sich öffnenden Aufzugstür wurde ich aus meinen herumspinnenden Marketingideen gerissen.

 

Einender Gedanke oder kleinster gemeinsamer Nenner?

 

Vor dem Eingang traf ich noch einen alten Kommunalpolitiker. Er sei früher im Senat gewesen, unter Giscard d’Estaing. Während er die angerauchte Zigarre aus seiner Hülle holte, sprach er über seine politischen Idole, Churchill und de Gaulle. Er sei überzeugter Europäer. Er täte alles für Europa. Trotz allem. Das schlimmste aber seien solche wie Marine Le Pen, die sind Gift. Mit einem Blick in die Ferne hielt er inne, lächelte und wandte sich mir verschmitzt zu „Ist es nicht wunderbar, diesen Frieden zu haben?“
Nie wieder Krieg. Das ist wohl das, worauf sich alle einigen können. Vor allem die Nachkriegsgeneration trägt das tief in sich.

 

Europa – ein Kontinent und seine Grenzen

Europa Karte Grenzen

Europa – ein Kontinent und seine Grenzen

Im Rahmen der Frage „Was ist Europa?“ und besonders in der Suche nach einer gemeinsamen europäischen Identität, ist auch oft über die geographische Gegebenheit Europas und deren Interpretationen gestritten worden. Das gilt ganz besonders für die Frage nach Europas Grenzen.

Was ist eigentlich Europa?

Europa ist im eigentlichen Sinne kein Kontinent und die Frage nach seinen Grenzen war und ist immernoch Bestandteil vieler Kontroversen. Europa, mit seinen mehr als 10 Millionen Quadratkilometern, befindet sich auf der eurasischen Kontinentalplatte. Während die physischen Grenzen mit seinen Meeren im Norden, Westen und Süden traditionell wenig Anlaß zum Disput bieten, sieht es in Betracht des Tors zum Orient schon etwas schwieriger aus. Und dennoch: auch die eher unstrittigen Grenzen Europas dürfen durchaus hinterfragt werden, denn wenn Wasser – in diesem Fall also die Meere – ein Grenzkriterium ist, wie sieht es dann mit Europas vielen Inseln aus? Gehören diese dann nicht mehr zum Kontinent?

Wir merken also schnell, dass es gar nicht so einfach ist, sich auf gemeinsame Kriterien zur Bestimmung eines Kontinents zu einigen. Ganz besonders, wenn man sich dabei an Charakteristiken des natürlichen Raumes bedient.

Grenzfrage Orient

Noch schwieriger wird es natürlich, wenn man kulturelle (wie etwa sprachliche), oder auch wirtschaftliche Kriterien hinzuzieht. Danach erkennt man schnell, dass Grenzen nichts Statisches, sondern eher etwas Wahrgenommenes und ebenso politisch Gesetztes, sind.

So verhielt es sich auch mit der Neudefinierung der Ostgrenze durch Vassili Tatichtchev, den Geologen des Zaren, aus. Er rückte Russland näher an Europa – durch eine simple Grenzverschiebung. Nun waren die Gebirge Ural und Kaukasus zu Europas Ostgrenzen geworden. Dieser Umstand ist in der Geschichte jedoch kein Einzelfall. Die Grenzen wurden beliebig oft verschoben, wie man eben auch das Bild Europas ändern wollte. Je nachdem, ob Russland dazugehören sollte oder auch nicht.

Neuere geographische Überlegungen sehen die Grenze Europas zur osteuropäischen Ebene eher in der kaspischen Senke, wo sich auch der Fluss Ural befindet. Damit ist das Thema von Europas Grenzen aber mitnichten erschöpft und beendet.

Europas Überseegebiete zum Beispiel, die dem kolonialen Erbe der E.U.-Mitgliedsstaaten entstammen: wie etwa Curaçao, Grönland oder Französisch Polynesien. Und überhaupt? Ist die E.U. Europa, oder Europa gleich die E.U.? Norwegen und die Schweiz würden doch sehr protestieren, würde man sie nicht mehr Europäer nennen. Selbst die so E.U.-verschnupften Briten könnte man sich doch nicht ganz isoliert auf ihrer Insel vorstellen.

Europa – wer bist du?

Es besteht generell die Frage, ob Europa überhaupt ein physischer Ort oder eher ein Handlungsraum ist. Die Identität Europas bildet sich vor allem durch seine Menschen. Europa ist ein gemeinsamer Lebens-, Wirtschafts- und Währungsraum, ist aber ebenso eine gemeinsame Geschichte und Kultur. Und genau diese herangezogenen Charakterzüge gereichen ebenso umhin aufzuzeigen, dass Europa weder einig, noch gemeinsam ist. Denn es wird immer schwer sein Räume zu definieren und Grenzen zu ziehen und jede einzelne dieser Beschreibungen bietet uns mehr Probleme als Lösungen an. Jedoch auch das spiegelt Europa wider, in all seinen Facetten.

Europa ist kein Ort. Europa ist eine Idee.

Für manche ist es aber auch ein Projet, ein Ziel, ein Traum – und eine Herausforderung. Nicht nur für Geographen.